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Neue Aufgaben für die Berufsfachschule I

Was ist die Rolle der Berufsfachschule I (BFS I) nach der Schulstrukturreform in Schleswig-Holstein? Dieser Frage geht unser Kollege Sven Lange von der Fachgruppe Berufliche Schulen in seinem Artikel nach.

08.12.2017

Welche Rolle für die Berufsfachschule I (BFS I)?
In der Diskussion um die Verschlankung des Übergangssystems von der Schule in die Berufswelt ist auch viel über die BFS I geredet und geschrieben worden. Für die einen ist sie Teil dieses Übergangssystems, zu dessen Hauptaufgaben es gehört, Jugendliche nach dem ersten allgemeinen Schulabschluss in Berufsausbildungsverhältnisse zu vermitteln. Für andere ist die BFS I eine Chance, die Perspektiven für junge Menschen mit Startschwierigkeiten zu verbessern, indem man ihnen Gelegenheit gibt, sich über zwei Jahre berufliche und allgemeinbildende Kompetenzen anzueignen, den heutzutage so wichtigen Mittleren Schulabschluss zu erlangen und so ihre Chancen auf dem Ausbildungsmarkt und an weiterführenden Schulen zu verbessern.

Unterricht muss individuell auf Jugendliche eingehen
Als diese Schulform vor der Schulstrukturreform in Schleswig-Holstein ausschließlich von Absolventen der Hauptschulen besucht wurde, waren die Klassen leistungsheterogen aus Hauptschulabsolventen mit unterschiedlichem Leistungsvermögen zusammengesetzt. Heute besuchen in erster Linie Jugendliche die BFS I, die aus verschiedensten Gründen nicht den Übergang in die zehnte Klasse ihrer allgemeinbildenden Schule geschafft haben. Schülerinnen und Schüler mit einem guten ESA sind in den Klassen der BFS I selten geworden, da diese an ihren allgemeinbildenden Schulen höhere Abschlüsse anstreben. Dadurch sind die Klassen der BFS I vor allem heterogen bezüglich der Gründe, die zur Beendigung der Karrieren dieser Jugendlichen an den allgemeinbildenden Schulen geführt haben: Krankheiten, soziale Probleme im Freundes- oder Familienkreis, Migrationshintergrund, Flüchtlingsschicksal, physische oder psychische Beeinträchtigungen u.a. Diese Situation hat Konsequenzen für das pädagogische Handeln. Die Jugendliche benötigen viel und intensive Aufmerksamkeit und Zuwendung. Der Unterricht muss individuell auf den einzelnen Jugendlichen eingehen können um jedem gerecht zu werden. Meine Erfahrung als zuständiger Abteilungsleiter für Berufsfachschulen ist es, dass die Kolleginnen und Kollegen, die diese Aufgaben erfüllen, hoch motiviert sind. Gleichzeitig sind sie sehr stark pädagogisch gefordert (worin für viele der Reiz an dieser Arbeit besteht) und ihr Alltag verlangt ihnen ein hohes Maß an Flexibilität ab.

Klassenteiler muss gesenkt werden
Insbesondere der Klassenteiler muss gesenkt werden, wenn man in diesen anspruchsvollen Klassen die Zielsetzung der Vergangenheit (berufliche Grundbildung, Erwerb eines höheren Schulabschlusses, Erwerb von Kompetenzen zur allgemeinen Lebensbewältigung) weiterhin auf hohem Niveau erfüllen will. Es muss die Aufgabe dieser Schulform sein, diesen Jugendlichen einen Abschluss zu ermöglichen, der den Einstieg in eine berufliche Ausbildung und weitere höhere Abschlüsse möglich macht. Diese Abschlüsse werden sie brauchen, um ihren Platz in der Gesellschaft zu finden, um vorbereitet zu sein auf die Veränderungen, die sich durch technisch/soziale Entwicklungen ergeben (Stichwort: Industrie 4.0) und um flexibel zu sein, wenn sich die gegenwärtig positive Entwicklung auf dem Arbeitsmarkt einmal wieder verändern wird.

Gründe für Abbrüche müssten erforscht werden
Immer wieder wird auch die Statistik bemüht, um den Erfolg dieser Schulform zu messen, wie zuletzt im Gutachten des Soziologischen Forschungsinstituts Göttingen für das Land Schleswig-Holstein, das eine Erfolgsquote von 52 % feststellte und diese Quote als „bescheidene Bilanz“ bewertete[1].  Derartige Analysen müssten m.E. viel genauer nach den Gründen für die Abbrüche forschen und Bildungspolitik müsste daraus Schlüsse ziehen und präventive Maßnahmen ergreifen, die wahrscheinlich die Zeit vor dem ESA beträfen. Aber auch wenn  52 % (an unserer Schule liegt die Quote in dem Bereich deutlich höher) der Schülerinnen und Schüler den mittleren Bildungsabschluss erreichen und ihnen sich eine Perspektive auf eine Berufsausbildung oder eine weiterführende Schule eröffnet, ist das bei der schwierigen Ausgangslage für jeden Jugendlichen ein persönlicher Erfolg.

Fazit
Die BFS I ist in erster Linie eine Schule die, - auch wenn es Schnittmengen gibt -  nicht zum Übergangssystem gehört, sondern über die Integration in den Arbeitsmarkt hinaus auch einen höheren Bildungsabschluss ermöglicht und die Vermittlung von allgemeinen Kompetenzen leistet, die zu einer selbstbestimmten Lebensführung ermächtigen. Richtig aufgestellt löst diese Schulform gesellschaftliche Probleme durch Bildung und berufliche Grundbildung. Hierfür bedarf es gut ausgebildeter Lehrkräfte, sozialpädagogischer Experten, kleinerer Klassen und gesellschaftlicher Anerkennung.

Sven Lange
GEW Fachgruppe Berufliche Bildung


[1]Vgl.  M. Baethge, Klaus-Peter Buss, Maria Richter: Gutachten zum Übergang Schule-Beruf für das Land Schleswig-Holstein – unter besonderer Berücksichtigung der Inklusion von Menschen mit Benachteiligungen und Behinderungen; Soziologisches Forschungsinstitut Göttingen an der Ernst-August-Universität; Seiten 31 ff.

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