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GeschichteKapp-Putsch im März 1920: 76 Tote und 200 Verwundete in Kiel

Vor 100 Jahren versuchten reaktionäre Kräfte mit dem Kapp-Putsch der jungen Weimarer Republik ein Ende zu bereiten. Unser Autor Klaus Kuhl beleuchtet die Ereignisse in Kiel, zu denen es auch einen neuen Film und Unterichtsmaterialien gibt.

04.02.2020 - Klaus Kuhl

Generalstreik gegen Putschisten
Nur ein Jahr und vier Monate nach der von Kiel ausgegangenen Novemberrevolution 1918 versuchten reaktionäre Kräfte die damals errungene Demokratie wieder abzuschaffen. Wolfgang Kapp, ehemals Vorsitzender der inzwischen aufgelösten ultrarechten Deutschen Vaterlandspartei, und der einflussreicher Reichswehrgeneral Walter von Lüttwitz ließen frühmorgens am 13. März 1920 das Freikorps Ehrhardt in Berlin einmarschieren und zwangen die verfassungsmäßige Regierung zur Flucht nach Stuttgart. Große Teile der Militärführung sympathisierten mit dem Umsturz. Doch Arbeiter- und Beamtenschaft stellten sich gegen die Putschisten und traten deutschlandweit in den Generalstreik.

Dramatische Ereignisse in Kiel
In Kiel kam es zu besonders dramatischen Ereignissen. Kay Gerdes und Klaus Kuhl haben darüber einen Dokumentarfilm gedreht, der am 20. März 2020 uraufgeführt wird.

Erstarken der reaktionären Kräfte
Nach der durchaus auch in großen Teilen des Bürgertums begrüßten Umwälzung durch die Revolution, kam es bereits im Jahr 1919 zu einem deutlichen Stimmungsumschwung. Die Konflikte mit radikalen linken Kräften, die Debatte um den Friedensvertrag und damit einhergehend die Frage der Kriegsschuld, sowie die Dolchstoßlegende sorgten für ein erstarktes Selbstbewusstsein der reaktionären Kräfte. Der sozialdemokratische Reichswehrminister Noske sah große Gefahren für die junge Republik vor allem durch die linken Kräfte und verhinderte, dass republikanisch gesinnte Militärs größeren Einfluss bekamen. Er befürchtete, dass sonst die Kampfkraft der Truppe zu stark eingeschränkt würde. Die von ihm oder mit seiner Unterstützung aufgebauten Freikorps wurden zum bestimmenden Element in der Reichswehr. Der Zeitzeuge Otto Preßler berichtete, dass bereits Schlägertrupps, die sich aus diesen Verbänden zusammensetzten, begannen Arbeiterversammlungen zu stören.

Ziel: Wiederherstellung des Bismarck-Reiches
In der Folge des Stimmungsumschwungs gründet sich eine Nationale Vereinigung, die die Weimarer Republik abschaffen und insbesondere die Sozialdemokratie von der Macht verdrängen will. Ihre Zielvorstellung besteht in der Wiederherstellung der gesellschaftlichen und politischen Zustände des Bismarck-Reiches.[1] Wichtige Köpfe sind Kapp,; Lüttwitz,; Pabst, von Noske geschasster Freikorpsführer (in seine Verantwortung fiel die Ermordung von Luxemburg und Liebknecht); und Ludendorff, im Ersten Weltkrieg quasi Militärdiktator, der jedoch im Hintergrund bleibt.

Putsch beginnt übereilt
Der Putsch beginnt jedoch übereilt. Lüttwitz steht unter Zugzwang. Er widersetzt sich der nach dem Friedensvertrag befohlenen Reduzierung des gesamten deutschen Militärs von 400.000 auf 100.000 Mann und der Marine auf 15.000 Mann. Als Reichspräsident Ebert ihn daraufhin entlässt, befiehlt er dem Freikorps Ehrhardt, in Berlin einzumarschieren. Die Regierung muss fliehen.

Militärische Gewalt gegen Arbeiter
Deutschlandweit und auch in Kiel treten die Arbeiterschaft und auch große Teile der Beamtenschaft in den Streik. Der Chef der Marinestation in Kiel, Konteradmiral v. Levetzow, lässt führende Sozialdemokraten verhaften und ordnet die Festnahme von Ebert und Noske an, für den Fall, dass diese nach Kiel kommen sollten. Er lässt die Arbeiter mit militärischer Gewalt von der besetzten Reichswerft vertreiben, setzt Standgerichte für das „Hetzen zum Generalstreik“ ein, und lässt insbesondere die Freikorpsler einer Loewenfeld-Einheit, seine größte Stütze, wiederholt das Feuer auf Zivilisten eröffnen.

Putsch schnell zusammengebrochen
Der Putsch bricht nach wenigen Tagen zusammen. Kapp flieht nach Schweden, Lüttwitz später nach Ungarn. Levetzow lenkt nun teilweise ein und entlässt die Verhafteten. Er zieht aber die Truppen von der Schiff- Maschinenbauschule (heute Muthesius Kunsthochschule) nicht zurück. Er hatte die Schule schon am zweiten Putschtag besetzen lassen, um das Gewerkschaftshaus und das Polizeipräsidium zu kontrollieren. Trotz eindringlicher Warnungen des Magistrats und sogar des in der Schule kommandierenden Offiziers, dass die weitere Besetzung der Schule zu einem Blutbad führen würde, schickt Levetzow sogar am nächsten Morgen noch eine Einheit der Loewenfelder zur Schule. Damit gießt er zusätzlich Öl ins Feuer. Beim kurz darauf angeordneten Abzug der Lowenfelder provozieren diese die dicht gedrängt stehenden Arbeiter. Dies führt zu dem Versuch, der Einheit Waffen zu entreißen. Der Trupp schießt in die Menge und zieht in die Wik ab. Levetzow lässt nun alle seine Truppen, obwohl er inzwischen von der rechtmäßigen Regierung abgesetzt worden ist, auf das Gewerkschaftshaus vorrücken. Damit nehmen die ausgedehnten Kämpfe an diesem „blutigen Donnerstag“ ihren Lauf. Levetzow lässt sogar Minenwerfer einsetzen.

Große Verluste unter den Arbeitern
Der Vormarsch der Loewenfelder, verstärkt durch Studenten des Zeitfreiwilligenregiments wird von der im Aufbau befindlichen Arbeiterwehr am Dreiecksplatz unter großen Verlusten gestoppt. Die Arbeiter werden von der Sicherheitspolizei unterstützt. Obwohl nach Levetzows Absetzung inzwischen ein Waffenstillstand angeordnet worden ist, ziehen sich die Angreifer erst am Abend zurück, als Arbeiterwehr und Sipo langsam die Oberhand gewinnen. Am Abend des nächsten Tages ziehen die Loewenfelder mit Resten der Zeitfreiwilligen aus Kiel ab, weil sie eine Entwaffnung und strafrechtliche Verfolgung befürchten müssen.

Gewerkschafter Gustav Garbe wird Militärbefehlshaber
In der Marine beginnen die Mannschaften einzelne Offiziere abzusetzen, die den Putsch unterstützt hatten. Der Gewerkschaftsführer Gustav Garbe wird Zivilgouverneur und vorübergehend Militärbefehlshaber, bis die Mannschaften wenig später den „Volksoffizier“ Leutnant zur See Carl von Seydlitz zum Chef der Marinestation wählen.

Dokumentarfilm mit historischem Filmmaterial
Der Dokumentarfilm von Gerdes und Kuhl beleuchtet die Ereignisse anhand von Zeitzeugenberichten und historischem Fotomaterial. Professor Oliver Auge vom Historischen Seminar der Christian-Albrechts-Universität kommentiert und bewertet die Aussagen. Der Film erläutert auch in einem Ausblick, warum der anfängliche Erfolg der demokratischen Kräfte nicht verhindern konnte, dass die Reichswehr weiter zu einem Staat im Staate ausgebaut werden und die republikanisch und demokratisch gesinnten Angehörigen mehr und mehr aus der Reichswehr verdrängt werden konnten. Zum Film gibt es ein Begleitheft, das sich insbesondere an Lehrkräfte richtet und auch bestimmte Aufgabenstellungen für Unterrichtseinheiten anbietet.[2]

Uraufführung am 20. März im Studio Filmtheater
Die Uraufführung findet statt am Freitag, den 20. März von 18–20 Uhr im Studio Filmtheater am Dreiecksplatz in Kiel. Eintritt: 5 Euro (für Gewerkschaftsmitglieder frei).
Programm:
1. Begrüßung und Einführung durch Frank Hornschu, Vorsitzender DGB Kiel Region
2. Einführungen durch die Filmemacher und den Historiker Professor Oliver Auge
3. Filmvorführung (ca. 50 Min.)
4. Diskussion

Klaus Kuhl

 

Weitere Informationen

 

Klaus Kuhl: Kapp-Putsch in Kiel. Webseite mit ausführlichen Informationen. Zugänglich unter: www.kurkuhl.de/de/kapp-putsch/kapp-putsch_intro.html.

 

 


[1] Erwin Könnemann, Gerhard Schulze (Hrsg.): Der Kapp-Lüttwitz-Ludendorff-Putsch. Dokumente. München 2002, S. XVI f.

[2] Klaus Kuhl: Begleitheft zum Dokumentarfilm „Kapp-Putsch in Kiel 1920“. Online zugänglich (aufgerufen am 31. Januar 2020) unter: www.kurkuhl.de/docs/begleitheft_dokufilm-kapp-putsch-in-kiel_gerdes-kuhl_2020.docx.