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Arbeitszeit„Es wird Zeit, auf die Zeit zu schauen“

Lehrkräfte leisten weit mehr als ihr Soll, besonders Teilzeitkräfte sind betroffen! 77 Stunden Arbeit pro Woche. Was klingt wie die Mehr-Work-als-Life-Balance eines Managers, ist in Wahrheit der Stundenzettel einer Lehrkraft.

22.03.2019 - Esther Geißlinger (freie Journalistin)

„Natürlich ist jedes Individuum auch selbst für sein Leben und Arbeitsverhalten verantwortlich“, sagt Frank Mußmann. „Dennoch zeigt sich hier klar eine Tendenz.“ Der Göttinger Wissenschaftler hat gemeinsam mit Kollegen eine Studie über die Arbeitsbelastung von Lehrkräften verfasst und unter rund 2900 Teilnehmenden diesen Spitzenwert an Wochenarbeitszeit gefunden. Bei einer Personalrätekonferenz der GEW Schleswig Holstein in Neumünster stellte er die Studie vor. Die zentrale Erkenntnis: Die Mehrheit der Lehrkräfte arbeitet über das Soll hinaus. Überstunden und neue Aufgaben sorgen für Zeitdruck und mindern damit die Qualität der pädagogischen Arbeit. Die Bildungsgewerkschaft will dieses Thema in Zukunft verstärkt angehen und in die Öffentlichkeit bringen.

„Es ist Zeit, auf die Arbeitszeit zu schauen.“ sagt Astrid Henke, Landesvorsitzende der GEW Schleswig-Holstein

Lehrer haben vormittags recht und nachmittags frei – der alte Scherz hat mit der Realität wenig zu tun, ergab die Studie, die Mußmann und seine Kollegen im Auftrag der GEW Niedersachsen erstellten (siehe Infokasten). Die teilnehmenden Lehrkräfte an Grund- sowie weiterführenden Schulen in Niedersachsen gaben im Verlauf eines Jahres an jedem Tag an, welche Tätigkeit sie wann ausübten, dazu waren Kategorien wie „Unterricht“, „Kommunikation“, „Fahrten und „Veranstaltungen“ oder „Funktion“ für Leitungs- oder Personalratsaufgaben vorgegeben.

„Unterricht ist nicht der Hauptbestandteil der Tätigkeit“, sagte Mußmann. Das war keine neue Erkenntnis für die in Neumünster versammelten Personalräte. Doch für viele Menschen außerhalb der Schule sei diese Tatsache oft erstaunlich, so der Forscher. Tatsächlich umfasst Unterricht laut der Untersuchung nur ein gutes Drittel der täglichen Arbeitszeit. Ein weiteres Drittel sind Vor- und Nachbereitungen. Diese Zeiten sind im Lauf der vergangenen Jahre gesunken. Immer wichtiger wird dagegen der Block „Kommunikation“, der bereits zehn Prozent des Arbeitsalltags einnimmt. Gemeint sind Besprechungen im Kollegium, Elterngespräche oder Telefonate mit außerschulischen Stellen. Diese Fälle seien nicht selten, bestätigte eine Personalrätin, die parallel zur Veranstaltung einen Krisenfall in der Klasse managen und über eine mögliche Kindeswohlgefährdung mit Polizei oder Jugendamt sprechen musste.

Neu an der Studie ist, dass nicht nur Voll-, sondern auch die Teilzeitkräfte erfasst wurden. In dem untersuchten Jahr lagen die Vollzeitkräfte vergleichsweise häufig dicht an ihrer Soll-Stundenzahl. Im Schnitt arbeiten sie sogar sechs Minuten zu wenig. Aber auch hier ergab die Studie individuelle extreme Ausschläge nach oben, bis zur 140-prozentigen Arbeitsverpflichtung eines Schulleiters, der zwei Schulen parallel zu betreuen hatte.

Einzelne „schwarze Schafe“ unterschreiten ihre Soll-Arbeitszeit regelmäßig. Doch das Gros arbeitet mehr als die vorgeschriebene Stundenzahl. Besonders übereifrig sind die Lehrkräfte in Teilzeit, deren Abweichung vom individuellen Soll knapp drei Stunden beträgt, inklusive deutlicher Ausschläge nach oben. Auch die Person, die im Untersuchungszeitraum auf 77 Wochenstunden kam, ist formal nur in Teilzeit tätig. Insgesamt nehme die Mehrarbeit zu, je geringer die individuelle Arbeitszeitverpflichtung sei, so Mußmann. Dafür sinke bei einer Vollzeitstelle die Zeit, die für einzelne Tätigkeiten aufgebracht werden kann, und damit die Qualität. Der Forscher sprach von einem „Deckelungs- oder Deckeneffekt“ (siehe Kasten).

Trotz der hohen Arbeitszeiten sind Lehrkräfte überwiegend mit ihrer Arbeit einverstanden: „Hoch belastet und hoch zufrieden“, fasste Mußmann das Ergebnis zusammen. Dafür sorgen positive Effekte und Ressourcen, auf die Lehrkräfte zurückgreifen können. Die wichtigsten sind ein gutes Klima im Kollegium, in dem gegenseitige Hilfe und Unterstützung der Normalfall sind. Allerdings bringt das auch Probleme mit sich, wie eine Personalrätin anmerkte:

„Weil niemand die Kollegen hängen lassen will, schleppt man sich mit Fieber zur Arbeit.“

In Niedersachsen hatte sich eine Kommission mit den Ergebnissen der Studie befasst und Vorschläge erarbeitet. Um dem „Deckeneffekt“ zu entgehen, also die Qualität zu verbessern, müsste die Pflichtstundenzahl sinken, lautete eine Forderung. Das bedeutet, mehr Stellen ins System zu bringen – bekanntlich nicht leicht umzusetzen. Um kurzfristig für Hilfe zu sorgen, schlug die Kommission individuelle „Entlastungsstunden“ nach der Formel „Entlastung folgt Belastung“ vor. Gemeint ist, dass eine Schule ein zusätzliches Stundenkontingent erhält und das intern an besonders belastete Mitglieder des Kollegiums vergibt. Doch die Frage, wer besonders belastet sei, könnte zu Streit führen, befürchtete einer der Personalräte: „Wer sich selbst für stark belastet hält, aber keine Zusatz-Stunden erhält, dürfte beleidigt sein.“

Auch Mußmann gab zu, dass es schwierig sei, hier eine Lösung zu finden. „Der einfache Weg ist sicher, das Extra-Kontingent an alle Mitglieder des Kollegiums gleichermaßen zu verteilen. Aber ich möchte eine Lanze brechen für die Solidarität in den Kollegien.“ Die Entlastungsstunden böten eine Chance, Lehrkräften bei tatsächlichem Mehraufwand zu helfen. Auch im Auditorium gab es zahlreiche Stimmen für diese Idee:

„Ich würde für die Entlastungsstunden kämpfen. Denn besser, es gibt die Zusatzstunden, als dass es sie nicht gibt“, sagte eine Personalrätin.

Tatsächlich lassen sich objektive Gründe finden, an denen sich die Mehrbelastung festmacht. Rund ein Drittel der Belastungen hängen mit personengebundenen Faktoren zusammen, etwa weil Leitungs- und andre Funktionen übernommen werden. Diese Aufgaben landen überwiegend bei älteren Lehrkräften, so dass die Arbeitszeit mit dem Lebensalter steigt. Zwei Drittel jedoch hängen mit strukturellen Faktoren zusammen: So könnte eine Klasse mit vielen Kindern mit Förderbedarf oder fremdsprachigem Hintergrund ein Merkmal für Mehrbelastung sein.

Die GEW Schleswig-Holstein hat die Themen Arbeitszeit und Arbeitsbelastung auf die Agenda für die nächsten Jahre gesetzt. Im nördlichsten Bundesland dürfte die Lage eher noch dramatischer sein als in Niedersachsen, da die Pflichtstundenzahl und damit das Arbeits-Soll höher ist. Mit einer Unterschriftenkampagne und öffentlichkeitswirksamen Aktionen will die Bildungsgewerkschaft auf die Lage in den Schulen aufmerksam machen, versprach die Landesvorsitzende Astrid Henke. Weitere Studien seien aus ihrer Sicht nicht notwendig: „Es gibt kein Erkenntnisproblem, sondern ein Umsetzungsproblem. Daher müssen wir gemeinsam Druck machen, um uns durchzusetzen.“

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