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BildungsgerechtigkeitAls hätte es Corona nicht gegeben

Wie groß sind die Lernlücken? Wie mit den Folgen des Corona-Schuljahres umgehen? Wie der durch Corona verschärften Bildungsungerechtigkeit entgegenwirken? Darum ging es auf der GEW-Online-Tagung „Bildungsgerechtigkeit durchsetzen!“ am 20. Mai 2021.

20.05.2021

Kiel – Wie groß sind die Lernlücken? Wie mit den Folgen des Corona-Schuljahres umgehen? Wie der durch Corona verschärften Bildungsungerechtigkeit entgegenwirken? Darum ging es auf der Online-Tagung „Bildungsgerechtigkeit durchsetzen!“ der Gewerkschaft Erziehung und Wissenschaft (GEW) am 20. Mai 2021.

Aus Sicht von Hauptreferent Prof. Dr. Marcel Helbig vom Wissenschaftszentrum Berlin für Sozialforschung gibt es keine einfache Lösung für den Umgang mit den Folgen der Corona-Pandemie. „Es braucht nun vor allem Zeit: Zeit, um darüber zu diskutieren, wie es weitergehen soll; Zeit, um uns einen Überblick über die Schäden der Corona-Schuljahre zu verschaffen; und Zeit, um uns um die Schüler und Schülerinnen zu kümmern, die im Distanzunterricht eine schwere Zeit hatten“, sagte der Wissenschaftler.

Umfang des Unterrichtsausfalls und Qualität des digital unterstützten Distanzunterrichts hätten stark von Schule zu Schule variiert. Daher dürften auch die Folgen für die Einzelnen sehr unterschiedlich sein, je nach Wohnort, Schulsituation, Schulklasse und Familie. 

Mit den bisher von der Bildungspolitik präsentierten Lösungen - Nachhilfe oder freiwillige individuelle Klassenwiederholung – zeigte sich Professor Helbig sehr unzufrieden. „Sie setzen an althergebrachten Stellschrauben des Systems Schule an, um „schlechte“ Schüler und Schülerinnen wieder in die Spur zu bekommen. Maßstab sind also jene Schüler und Schülerinnen, die gut durch die Corona-Schuljahre gekommen sind und den Lehrplan trotz Corona erfüllt haben – die Lernlücken der anderen werden zum Defizit, das aufzuholen ist. Das System Schule verlangt, die Lücken zu schließen, und tut damit letztlich so, als hätte es Corona nicht gegeben.“

Sein Vorschlag: „Die Bildungspolitik soll sich eher auf jene fokussieren, die keinen Internetanschluss, kein Endgerät hatten, deren Eltern kein Deutsch sprechen, denen die Eltern nicht helfen konnten, die psychisch stark unter den Schulschließungen gelitten haben, in deren Wohnort die Schulen häufig geschlossen waren, weil es hohe Virus-Inzidenzen gab, deren Lehrkräfte kein oder wenig Feedback gaben, den Distanzunterricht nicht gut strukturierten oder nicht erreichbar waren.“

Schon in vermeintlich „normalen Zeiten“ sei es problematisch, einzelne Kinder für ihre Lernrückstände verantwortlich zu machen, fuhr Helbig fort. „Umso mehr haben wir es in dieser Pandemie nicht mit individuellem Versagen der Schüler und Schülerinnen zu tun, sondern mit systemischen Problemlagen. Die Antworten der entscheidungsrelevanten Akteure beziehen diese systemischen Problemlagen bisher nicht ausreichend mit ein, sondern individualisieren diese Defizite als Versagen des und der Einzelnen.“

Die GEW-Landesvorsitzende Astrid Henke machte in ihrer Rede klar: „Im Gegensatz zur Politik weiß die GEW nicht erst seit Corona, wie ungerecht unser Bildungssystem ist. Deshalb plädieren wir auch schon seit langem dafür, allen Kindern und Jugendlichen gleiche Chancen zu eröffnen und so ein weiteres Auseinanderdriften unserer Gesellschaft zu verhindern.“ 

Den Schulen fehle im Regelbetrieb viel zu oft die Zeit, um sich um Kinder mit besonderen Bedarfen genügend kümmern zu können, so die Gewerkschafterin. Ein besonderes Zeitkontingent für die pädagogische Arbeit an den Schulen könne hier helfen. Um sozialen Besonderheiten an einzelnen Schulen zu begegnen, müssten Planstellenverteilung und Mittelverteilung an die Schulen an einen Sozialindex geknüpft werden. Denjenigen Schülerinnen und Schülern, die zuhause wegen beengter Wohnverhältnisse keinen Platz zum Lernen hätten, sollten Lernräume in den Schulen zur Verfügung gestellt werden.

Eine Gruppe, die während der Pandemie eindeutig zu kurz gekommen ist, ist die der Kinder mit einer anderen Herkunftssprache als Deutsch. Vielerorts konnte die Förderung in Deutsch als Zweitsprache (DaZ) nicht wie vorgesehen durchgeführt werden. Der Distanzunterricht war in zu großen Lerngruppen und wegen mangelhafter technischer Ausstattung für alle Beteiligten eine sehr große Herausforderung. „Der DaZ-Unterricht lebt ganz stark vom Miteinander und der Kommunikation. Hier gibt es besonders viel aufzuholen. Deshalb muss hier auch weiterhin dieser Bereich besonders berücksichtigt werden. Es dürfen in keinem Fall Stellen von Lehrkräften für die Sprachförderung gestrichen werden.“
Ausgesprochen kritisch setzte sich Astrid Henke mit der Umsetzung des sogenannten „Corona-Hilfspakets“ auseinander: „So gut es ist, dass Bund und Land  40 bis 50 Millionen für Lernförderung, Schulsozialarbeit, soziales Lernen und Sprachförderung in Schleswig-Holstein bereitstellen: Dieses Geld darf nicht dazu dienen, großen Nachhilfekonzernen Schülerinnen und Schüler als neue Kundschaft zuzuführen.“

Bildungsstaatssekretärin Dr. Dorit Stenke sprach bei der Veranstaltung ein Grußwort.